Das war`s! Die Kleiderkammer sagt Tschöö…

Liebe Freunde der Kleiderkammer!

Dies hier wird ein langer Text, aber es gibt auch viel zu sagen… 😉

Im Sommer 2015 stieg die Zahl der Flüchtlinge, die Deutschland erreichten, plötzlich massiv an. Viele Kommunen mussten sich vorbereiten, um die Menschen aufzunehmen und gut zu versorgen. Auch in Brühl wurden Vorkehrungen getroffen, im ehemaligen Gartencenter Zopes eine Erstaufnahmeeinrichtung vorbereitet und die Versorgung der Menschen, die teilweise direkt aus Kriegs- und Krisengebieten ihren Weg nach Deutschland gefunden hatten, zu gewährleisten. Die Fernsehbilder haben wir alle noch im Kopf.

In der Facebook-Gruppe „Achtet auf Brühl“ diskutierten die Mitglieder auch über die Flüchtlingswelle, die für uns alle offensichtlich auch Brühl erreichen würde. Vielen uns waren die Bilder im Kopf von rechtsextremistischen Vorfällen, bei denen Brandanschläge auf Flüchtlingsheime schutzsuchende Menschen immer wieder in akute Lebensgefahr brachten. Freital, Dresden, Leipzig, Hoyerswerda, es waren sehr viele Vorfälle in der ganzen Republik. Gleichzeitig herrschte eine unglaublich starke Willkommenskultur. „Refugees Welcome“ war das Wort und das Gefühl der Stunde.

Ende August/Anfang September 2015 erreichten die ersten Flüchtlinge der damaligen Welle in großer Zahl Brühl. Die Stadt Brühl hatte im ehemaligen Gartencenter Zopes in Brühl Ost eine Erstaufnahmeeinrichtung des Landes aufgebaut und sah sich, wie viele Kommunen in Deutschland, der Aufgabe gegenüber, in kurzer Zeit sehr viele Menschen versorgen, Strukturen aus dem Boden stampfen und diese neben dem normalen Verwaltungsbetrieb auch personell bedienen zu müssen.

Gleichzeitig gab es immer mehr Menschen in unserer Facebook-Gruppe, die wissen wollten, wo, wie und was man spenden könne. Es häuften sich die legendären blauen Säcke, gefüllt mit Hosen, Hemden, Kleidern, Spielsachen, Teddys, die plötzlich überall in Wohnungen, Kofferräumen und Kellern darauf warteten, zu den Menschen im Zopes gebracht zu werden. Viele fuhren direkt dorthin und gaben die Sachen am Eingang ab. Es herrschte positives Chaos.

In Kenntnis unserer Möglichkeiten und unserem Angebot, via sozialem Netzwerk sehr schnell und kurzfristig Menschen erreichen und Dinge organisieren zu können, erreichte uns ein Anruf der Stadt Brühl, mit der dringenden Bitte, in größerer Menge benötigte Kleidungsstücke über Facebook aufzurufen und zum Zopes bringen zu lassen. Dort sollten sie durch das Team der Aktion Gemeinsinn, das die Stadt bereits in der Vergangenheit mit Kleidersammlungen zur Flüchtlingsversorgung unterstützt hatte, an die Menschen verteilt werden.

Ziemlich genau zu diesem Zeitpunkt ergriff ein Gruppenmitglied von „Achtet auf Brühl“ die Initiative und organisierte den Fahrradkeller in der Martin-Luther-Schule. Bürgermeister Freytag persönlich erteilte die Nutzungserlaubnis. Ein paar Tage später standen nach einer gemeinschaftlichen Aufbauaktion die Schwerlastregale und wurden mit Kartons befüllt, deren Inhalt wir über Facebook aufgerufen hatten. Die Kleiderkammer war geboren!

Ab diesem Zeitpunkt, es muss Anfang September 2015 gewesen sein, lief die Kleiderkammer sofort auf einer sehr hohen Drehzahl. Die Menschen im Zopes kamen und gingen busweise und mussten versorgt werden. Wir verstanden uns immer als Beschaffer von großen Mengen von Hilfsgütern, die dann vom Team der Aktion Gemeinsinn vor Ort an die geflüchteten Menschen verteilt wurden. Turnhallen mussten gesperrt und als Flüchtlingsunterkünfte eingerichtet werden. Und die Menschen dort ebenfalls versorgt werden. Gleichzeitig sahen wir uns einer enormen Spendenbereitschaft gegenüber. Die Brühler haben ihr Herz unglaublich weit aufgemacht und uns bei jedem Aufruf mit den gesuchten Dingen überschüttet.

Zunehmend wurden dann auch Menschen vor Ort in der Kammer eingekleidet. Sie machten Termine und konnten sich dann in aller Ruhe eine Grundausstattung zusammenstellen. Dabei haben wir große Hilfe erfahren von Flüchtlingen, die Seite an Seite mit uns gemeinsam ehrenamtlich arbeiteten und halfen, die Sprachbarriere zu überwinden: Unsere „Immis“. Wir, das waren im Laufe der Zeit viele viele Menschen, die einen Beitrag leisten wollten für ein friedliches gesellschaftliches Miteinander. Die helfen wollten, dass Menschen, die vor Krieg und Verfolgung geflohen waren, gut und willkommen in eine sichere Zukunft starten konnten. Sehr schnell haben wir den Fokus der Kammer auf alle bedürftigen Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft, gelegt. Hilfesuchende sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden können, wie das von rechten Populisten immer wieder versucht wurde.

Wir, wir nannten uns selbst die Kleider-Motten, haben Unmengen an Spenden erhalten und an geflüchtete Menschen und Bedürftige weitergeleitet. In Brügl und anderswo. Wir waren Teil eines Netzwerkes von Kleiderkammern im gesamten Rhein-Erft-Kreis und im rechtsrheinischen. Wir haben die Drehscheibe am Kölner Flughafen unterstützt, wo ganze Züge voller Flüchtlinge von der bayerischen Grenze eintrafen und grundversorgt werden mussten. Immer auf Basis von Facebook, wo Menschen sehr schnell erreicht und konkrete Spenden in großer Zahl mobilisiert werden konnten. Kleidung, Spielzeug, Möbel, die legendären Mikrowellen oder der Kofferraum voller Teddybären für die Feuerwehr in Wesseling, der innerhalb von zwei Stunden nach Anruf für einen Bus mit vielen Kindern eiingesammelt und vor Ort abgeliefert wurde, es war alles dabei. Und wir haben es dorthin geschaufelt, wo es benötigt wurde. Irgendwann sogar mit einem eigenen Renault Trafic, den wir von großzügigen Spendern gesponsert bekamen, um die Transporte nicht weiter mit Privatfahrzeugen auf Privatkosten bewältigen zu müssen. Nicht immer lief alles rund, manchmal gab es auch Knatsch und Mißverständnisse. Letztlich aber haben alle in die gleiche Richtung gearbeitet.

Es war eine aufregende Zeit! Es war eine anstrengende Zeit! Es war eine großartige Zeit! Die, die dabei waren, beschreiben diese Zeit als eine einzigartige Erfahrung!

Im Laufe der Zeit wurde es immer ruhiger. Die Erstaufnahmeeinrichtung des Landew wurde in eine Notaufnahme der Stadt Brühl für fest zugewiesene und damit deutlich länger als ein.paar Wochen dort lebende Flüchtlinge umgewandelt, die Integrationstrukturen der Stadt Brühl wurden aufgebaut. Die Menschen wurden der Stadt Brühl fest zugewiesen, zogen in zentrale oder dezentrale Unterkünfte, hatten eigene Einkünfte von Sozialamt oder Jobcenter, lernten die Sprache, bekamen im Laufe der Zeit eine Antwort auf ihren Asylantrag, besuchten Schulen, fanden Arbeit. Sie richteten sich in ihr Leben ein und kamen immer seltener in die Kleiderkammer. Wir stellten unser Ausgabesystem um und fungierten nicht mehr als reine Kleiderkammer, wo kostenlos Kleidung verteilt wurde, sondern schafften das Terminsystem ab und erhoben auf ausdrücklichen Wunsch der Stadt Brühl einen kleinen Obolus, um hier eine Gleichbehandlung der bedürftigen Menschen in allen karitativen Ausgabestellen in Brühl zu erreichen. Wir waren nun im Prinzip ein Second-Hand-Laden für Kleidung, Hausrat und Möbel. Und haben gleichzeitig unsere vielen Kontakte genutzt, unsere Schützlinge zu unterstützen. Es wurden Praktika und Jobs vermittelt, Wohnungen gefunden, es haben sich Patenschaften gebildet, sind Freundschaften entstanden, es wurden Kontakte vermittelt, gemeinsame Ausflüge gemacht und gefeiert.

Während am Anfang die Kleiderkammer oft überfüllt war mit Kunden, aber auch mit Motten, einheimische wie geflüchtete, wurde es im Laufe der Zeit immer ruhiger.
Unsere Flucht-Motten richteten sich immer mehr in ihrem neuen Leben ein, machten Sprachkurse, fanden Jobs und hatten einfach nicht mehr die Zeit, in der Kammer zu uterstützen. Dafür war und ist es eine große Freude, unsere „Immis“ in Brühl zu treffen und zu sehen, wie gut sich alles für sie entwickelt hat. Die Brühl-Motten hatten sich in großer Zahl engagiert, wurden im Laufe der Zeit aber auch immer weniger. Eine ganz natürliche Entwicklung, die in vielen Ehrenämtern zu beobachten ist. Irgendwann hatten wir nicht mehr die Mannschaft, um neben dem Mittwoch auch den Samstag weiter zu öffnen. Auch die Kunden wurden immer weniger. Es sind schon lange nicht mehr die Menschen, die frisch in Deutschland eingetroffen sind, sondern hauptsächlich Stammkunden, die teilweise schon mehrere Jahre bei uns leben und sich günstig versorgen.

Fakt ist, wir haben unseren Job erledigt. Wir waren angetreten, um Nothilfe zu leisten und die Stadt bei der akuten Versorgung der Flüchtlinge zu unterstützen. Nun ist niemand mehr da, der wirklich in Not ist. Alle haben ihr Leben eingerichtet und ihr Auskommen. Die Flüchtlingszahlen sind massiv zurückgegangen. Gleichzeitig wollen wir nicht durch unsere Arbeit die Existenz anderer karitativer Kleiderkammern gefährden, die schon lange vor uns da waren und hoffentlich noch lange fortbestehen werden, und zu deren Unterstützung wir ausdrücklich gebeten und angetreten waren. Hinzu kommt, dass unsere personellen Engpässse immer größer werden. Altbewährte Kräfte konnten bzw. können uns aus wichtigen persönlichen Gründen nicht weiter begleiten. Nun reicht die Kraft nicht mehr.

Wir haben uns daher entschieden, die Kleiderkammer zu Ende Oktober endgültig zu schließen! Das ist eine schmerzhafte Entscheidung, aber letztlich die einzig mögliche und damit richtige.

Wir möchten uns bei allen bedanken, die das Projekt Kleiderkammer möglich gemacht und unterstützt haben. Hier geht es nicht um Namen. Ihr alle da draußen wisst, was jeder einzelne von Euch geleistet hat! Und Ihr könnt stolz darauf sein!

  • Danke an all die ehrenamtlichen Kleidermotten aus Brühl oder aus Syrien, Irak, Afghanistan oder woher auch immer Ihr gekommen seid. Ihr wart und seid ein wundervolles Team! Ihr habt die Kleiderkammmer zu einem Ort des unterschiedslosen Miteinanders gemacht, habt Integration gelebt!
  • Danke an jene Mitarbeiter der Stadt, die uns vielfältig unterstützt haben!
  • Danke an jene Politiker, die große Dinge wortwörtlich ins Rollen gebracht haben (hier ein besonderer Gruß nach Erftstadt 😉 und Düsseldorf)
  • Danke an unsere Familien, die das teils sehr zeitaufwendige ehrenamtlliche Engagement von so vielen Motten daheim unterstützt haben.
  • Danke an Euch Brühler, die Ihr durch Eure unglaubliche Spendenbereitschaft die Arbeit der Kleiderkammer überhaupt erst möglich gemacht habt. Es war überwältigend.
  • Danke an all die Kammern, mit denen wir gemeinsam ein tragfähiges Netzwerk bilden durften, um die vielen Menschen gut zu versorgen und ihnen einen würdevollen Start zu ermöglichen. Unvergessen die Katakombenbomben aus Erftstadt… 😉
  • Danke an die Kirche in Brühl. Viele Religionsgemeinschaften haben uns sehr unterstützt, haben uns Räume und ein Zuhause für unseren Nähclub geboten. Der übrigens bestehen bleibt und sich über neue Mitmacher freut. Ruft uns an oder schreibt uns!
  • Danke an all jene Menschen, Gruppen, Initiativen, Unternehmen, die uns auf verschiedenste Weise in unserer Arbeit begleitet und wichtige Impulse gesetzt haben.
  • Danke für die Freundschaft. Für die vielen schönen Momente in der Kammer. Wir haben zusammen gelacht und gegessen und gefeiert und geweint. Wir haben uns um kranke Motten gesorgt. Wir haben einen Hürther Freund zu Grabe getragen. Franz, Du bleibst unvergessen!

Auch wenn die stationäre Kleiderkammmer schließt, werden wir als Gruppe auf digitaler Basis weiter bestehen bleiben. Diesen Blog, die Facebook-Seite der Kleiderkammer und die Facebookgruppe „Refugees welcome“ – Netzwerk in Brühl wird es weiter geben und in Zukunft wieder stärker zur Information und zum Austausch genutzt werden. Auch das Team wird in Kontakt bleiben und sich weiter regelmäßig treffen.

Wenn irgendwo Hilfe und Unterstützung benötigt werden, sprecht uns an. Wir werden auch in Zukunft Dinge möglich machen können. So haben wir einer Brühler Grundschule einen Satz Ting-Stifte gespendet, um die Kinder, viele mit Flucht- und Migrationshintergrund, in ihrem Spracherwerb zu unterstützen. Einer unserer Helfer, der sich mittlerweile in den Flüchtlingslagern auf Lesbos ehrenamtlich engagiert, benötigte dringend Hilfe bei der Reparatur seines Motorrades, das für seine Arbeit unersetzlich ist, und auch das Schumaneck, dass sich u.a. intensiv für die Integration minderjähriger Flüchtlinge einsetzt, wurde großzügig unterstützt.

Es gibt eine Reihe weiterer Einrichtungen in Brühl, die bedürftige Menschen jedweder Herkunft unterstützen, unter anderem die Kleiderkammer der Aktion Gemeinsinn oder die Vochemer Kleiderstube in Brühl sowie das Gewandhaus in Hürth. Wir werden die entsprechenden Verweise auf unserem Blog zusammentragen, so dass sich jeder dort informieren kann und weiß, wo er sich versorgen kann, bzw. wo Kleidung und mehr gespendet werden kann.

In den Herbstferien wird die Kleiderkammer GEÖFFNET bleiben! Bitte keine weiteren Spenden mehr bringen. Am Mittwoch, den 31. Oktober, öffnet die Kammer zum letzten Mal von 17 bis 19 Uhr!

Das war`s! Wir sagen Tschöö! Maat et jot!
Es war uns eine Ehre und ein Vergnügen!
Wir danken für Euer Vertrauen und wir sehen uns wieder!

Das Team der Kleiderkammer

Ein Gedanke zu „Das war`s! Die Kleiderkammer sagt Tschöö…

  1. Schade, aber der Auftrag ist beendet…..vielen Dank für die unermüdliche Arbeit, die geleistet habt, für die Menschen die in Not und Angst in unsere Stadt kamen.

    Alles Gute

    Herzliche Grüße

    Ute Weber-Heinen

    Liken

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